Fallbeispiele – Anwendung von Lautgesten

Zur Wahrung der Schweigepflicht wird weder Geschlecht noch der Name des Kindes veröffentlicht.

 

Late Talker mit Verdacht auf VED

plus zeitweise reduziertes Hörvermögen aufgrund von Paukenergüssen. Der Mutter war eine Hörminderung nicht aufgefallen; das Sprachverständnis ist altersentsprechend, Blickkontakt vorhanden, allerdings kurz, freundliches Kind, macht gut mit.

Das Kind wird mit 2;8 Jahren in der Praxis vorgestellt; spricht 8 Wörter (z.T. unvollständig, z.B. Mma = Oma), ahmt A, M, T, F, P nach und ansatzweise 5 Tierlaute; fehlende Satzentwicklung, sehr kurzes Zungenbändchen.

Therapieplanung:

- Lautinventar füllen, dabei Laute und Lautgesten verknüpfen, zunächst die vom Kind nachahmbaren Laute (A, M, T, F, P) dann nach und nach Laute anbahnen (nach Möglichkeiten des Kindes, nicht nach der physiologischen Sprachentwicklung);

- Silbenlexikon aufbauen

- Aufbau eines individuellen Kernvokabulars und Wörter, die alle Phoneme enthalten

- Satzaufbau

therapiebegleitend Chirophonetik,

Therapiefrequenz einmal wöchentlich; häusliche Wiederholungen.

 

Therapiedurchführung: mit dem Material des LGGV und nach dem Lernstufenaufbau

Lernstufe 1 und Lautgesten/karten zusätzlich in Rollenspiele integriert.

Nach 4 Wochen waren zusätzlich I, Ei, H, B, P und ansatzweise O möglich; nach 9 Wochen Au, U, D, G. Nach 10 Wochen begann der Wortaufbau: Pa-pier, Au-to, Pi-ppi, Ei, Ba-by (realisiert als Bibi) heia (zu eia). Nach 3 Monaten zusätzliche Laute: N, O, E; Wörter: Tüte, Uhr, Bär, Anna, Tor. Nach 4 Monaten bestand der Wortschatz aus ca. 25 Wörtern in der KV-Struktur; Zwei-Wort-Kombination begannen: „Mama Auto“, „Baby heia“.

Zusätzlich Lernstufe 2 aber als Variante: Zum Aufbau des Silbenlexikons Silbenlieder (Anlehnung an Kinderliedmelodie) und Fantasienamen in der KV-KV-Struktur geübt. Tendenz der Rückverlagerung T zu K wurde mit den Silbenliedern aufgefangen.

Nach 5 Monaten hatte sich der Wortschatz auf 52 Wörter erweitert; Wörter in der KVK-Struktur wurden aufgebaut, z.B. Bau-m zu Baum. Nach ca. 6 Monaten setzte der Wortschatzspurt ein; alle Sprachlaute waren entwickelt außer R, ch2, Sch, L (wegen zu kurzem Zungenbändchen nicht möglich); S wurde mit inkonstanten Distorsionen gesprochen; nach 7 Monaten begannen Zwei-, und Drei-Wort-Kombinationen.

Zusätzlich Lernstufe 3: für weiteren Silbenaufbau eingeführt; parallel Satzaufbau und Satzerweiterung: SP-Sätze, Sätze mit Adjektiven und SPO-Sätze; spontane Sätze mit Wortauslassungen und Syntaxfehlern. Nach 11 Monaten waren R und ch2 entwickelt;

Jetzt nach 1 ½ Jahren (70 Therapieeinheiten) können alle Laute, auch Sch als Einzellaut und L mit minimalst geöffnetem Kiefer korrekt gesprochen werden. Die Sätze werden spontan variationsreich formuliert und mit korrekter Wortstellung gesprochen, nur mit kleinen morphologischen Fehlern. Zu korrigieren sind noch Konsonantencluster Kr, Gr, sowie Konsonantenverbindungen mit L, weiterhin sind die Laute Sch und L auf Wort- und Satzebene zu stabilisieren und die Distorsionen der S-Laute zu behandeln.